Anders?

Als das Bundesverfassungsgericht vor zwei Wochen eine neue Debatte zum Thema Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften anstieß, habe ich mich über ein dankbares Thema für eine Argumentationsanalyse gefreut. Aber gibt es über dieses Thema überhaupt noch etwas Neues zu schreiben? Die Argumente für die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften liegen so offen auf der Hand und sind so ausführlich in den Medien dargestellt worden, dass eigentlich alles schon gesagt zu sein scheint. Und ebenso klar scheint es zu sein, warum die Argumente der Gegner einer Gleichstellung kaum noch jemanden überzeugen.

Zum Glück gibt es die FAZ! In dem am 24.2.2013 erschienenen Kommentar „Im Gleichschritt, Marsch!“ spricht Reinhard Müller im Vorbeigehen einen Punkt an, der mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf geht: Die Frage, ob es sinnvoll ist zu sagen, Homosexuelle seien „anders“.  Sein Argument ist so kurz, dass ich es hier in voller Länge zitieren kann:

„Der Staat darf sich aber sehr wohl dafür entscheiden, und das hat er in seiner noch geltenden Grundordnung getan, eine bestimmte Lebensform zu privilegieren – weil sie ihm als am besten geeignet für den Zusammenhalt und den Fortbestand des Gemeinwesens erscheint. Es versteht sich von selbst, dass auch andere Verbindungen geachtet werden müssen. Aber warum in genau gleicher Weise? Sie sind doch anders.“
 

Das Argument könnte man so zusammenfassen:

(1) Homosexuelle Partnerschaften stellen eine andere Lebensform dar als heterosexuelle Partnerschaften.
(2) Der Staat hat das Recht, bestimmte Lebensformen zu privilegieren und andere nicht.
__________________________________________________________________________________
(K) Also hat der Staat das Recht, heterosexuelle Partnerschaften zu privilegieren.
 

Debatten in den Medien beschäftigen sich fast ausschließlich mit der zweiten Prämisse. Meistens geht es darum, dass es schlichtweg ungerecht wäre, homosexuellen Paaren das Recht auf eine Ehe vorzuenthalten. Die erste Prämisse fällt dabei meistens unter den Tisch. Gerade sie ist aber besonders interessant.

Die Annahme, Homosexuelle seien „anders“, wird oft vollkommen unhinterfragt vorausgesetzt („Anders“ wird in diesem Kontext meistens kategorisch verwendet, das heißt ohne genauer zu spezifizieren, in Bezug auf was von Anderssein die Rede ist). Ich erinnere mich noch gut, wie Klaus Wowereit anlässlich des Cristopher Street Day 2011 forderte, Homosexuelle sollten nicht nur toleriert, sondern in ihrem Anderssein akzeptiert werden. Das erschien mir schon damals irgendwie schräg.

Fast nie werden Menschen, nur weil sie sich in einem bestimmten Punkt von anderen Menschen unterscheiden, deswegen gleich kategorisch als „anders“ wahrgenommen oder angesprochen. Jeder ist doch irgendwie anders als die meisten anderen: Rothaarige, Bodybuilder, Volksmusikfans, Bürgermeister etc. Dass diese sich von der Mehrheit unterscheiden, wird nie dafür zum Anlass genommen, zu sagen, sie seien „anders“. Noch viel weniger müssen sie darum kämpfen, in ihrem Anderssein akzeptiert zu werden. Mit welchem Recht wird im Bereich der Sexualität eine vermeintliche Mehrheit zum Standard erhoben, an dem gemessen wird, wer normal und wer anders ist?  Hier wird der Sexualität eine Bedeutung beigemessen, die ihr in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich nicht zusteht.

Tatsächlich kann man die Unterscheidung von „normal“ und „anders“ in diesem Kontext mit einigem Recht als sexistisch bezeichnen (genauer: als „heterosexistisch“). Sexismus bezeichnet laut Wikipedia „die soziale Konstruktion von Unterschieden zwischen Menschen auf Grund ihres Geschlechts“. Etwas allgemeiner könnte man sagen: Sexismus liegt vor, wenn auf der Basis bestimmter sexueller Merkmale (z.B. der sexuellen Orientierung) soziale Unterschiede konstruiert werden. Bei der gängigen Rede von „normalen“ Partnerschaften und „anderen“ Lebensformen geschieht genau dies: es werden soziale Unterschiede konstruiert.

Man kann sich den Punkt recht schön verdeutlichen, indem man sich fragt, wie denn eine Gesellschaft aussehen würde, die jegliche Art von Diskriminierung überwunden hat. Wäre dies eine Gesellschaft, in der Homosexuelle bloß in ihrem Anderssein akzeptiert werden (wie Klaus Wowereit fordert)? Das denke ich nicht. Eine sexuell vollkommen aufgeklärte Gesellschaft würde Homosexuelle gar nicht als anders wahrnehmen, denn sexuellen Merkmalen würde dort keine größere Bedeutung beigemessen als dem Musikgeschmack oder der Haarfarbe. Folglich würde sich dort aus der Unterscheidung zwischen homo- und heterosexuell auch keine Einteilung in „normal“ und „anders“ ableiten lassen.

Wir sollten Argumente wie das von Reinhard Müller also nicht nur deswegen zurückweisen, weil es ungerecht wäre, homosexuellen Paaren das Recht auf Ehe zu verwehren (also indem wir Prämisse 2 ablehnen). Wir sollten uns vielmehr gar nicht erst auf die Rede vom Anderssein einlassen. Homo- und hetero-sexuelle Partnerschaften sind nicht grundsätzlich verschieden, und schon aus diesem Grund sollten sie rechtlich gleich behandelt werden.

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Eine Antwort zu Anders?

  1. Malte Engel schreibt:

    Für Freunde logischer Analysen sei das Argument, das sich aus diesen Überlegungen ableiten lässt, hier noch einmal zusammengefasst:

    (1) Sexismus bedeutet, auf Grund sexueller Merkmale (z.B. der sexuellen Orientierung) soziale Unterschiede zu konstruieren.
    (2) Wer Homosexuelle kategorisch als „anders“ bezeichnet (bzw. wer behauptet, homosexuelle Partnerschaften stellten eine andere Lebensform dar als heterosexuelle Partnerschaften), der konstruiert einen sozialen Unterschied.
    (3) Also beinhaltet es Sexismus, Homosexuelle als „anders“ zu bezeichnen.
    (4) Sexismus sollte vermieden werden.
    _____________________________________________________________________________
    (K) Also sollten Homosexuelle nicht kategorisch als „anders“ bezeichnet werden.

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