Christoph Drösser: Der Logikverführer

LogikverfuehrerIch war bislang davon ausgegangen, dass Logik kein Thema für gefällige und unterhaltsame populärwissenschaftliche Literatur ist. Populär-wissenschaftliche Bücher gibt es ja zu fast allen Wissenschaften: Mathematik, Biologie, Geschichte – aber Logik? Das wäre wohl doch eine Nummer zu trocken. Dachte ich. Dann stand ich beim Weihnachts-einkauf im Buchladen plötzlich vor dem Logikverführer. Der Klappentext verspricht eine spannende (sic!) Einführung, nicht nur in die klassische Logik, sondern auch in Randgebiete wie die Beweis-theorie, die Mengenlehre und die fuzzy logic. Ein straffes Program und ein ehrgeiziges Ziel. Diese Herkulesaufgabe hat Drösser mit Bravour gemeistert! Ich selber habe nicht nur extrem viel gelernt, sondern darüber hinaus auch Lust bekommen, mich noch intensiver mit vielen der Dinge zu beschäftigen, die in dem Buch behandelt werden.

Für eine Einführung ist Der Logikverführer alles andere als systematisch aufgebaut: Einen schrittweisen Einstieg in die Aussagen- und die Prädikatenlogik sucht man vergeblich. Stattdessen findet man allerlei Geschichten und Rätsel. Die Einführung geschieht dabei ganz nebenbei, fast ohne dass man etwas merkt. Zum Beispiel versteckt Drösser die Grundlagen der Aussagenlogik ganz geschickt in einer Kriminalgeschichte, in der drei Bankräuber mit Hilfe einer komplizierten Wahrheitswerttabelle entlarvt werden. Eine leicht ironische James Bond Episode zeigt den Zusammenhang zwischen der Logik und den Grundprinzipien der Informatik auf.

Man merkt dabei durchgängig, dass Drösser von Hause aus Mathematiker ist. Immer wieder kommt er auf die logischen Grundlagen der Arithmetik und die Grundlagenkrise der Mathematik zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu sprechen. Dabei schreckt er vor schwierigen Themen nicht zurück. Sogar Kurt Gödels berühmter Satz über die Unvollständigkeit der Arithmetik wird erklärt und bewiesen. Um weniger ehrgeizige Leser dabei nicht abzuschrek- ken, hebt Drösser komplizierte technische Passagen im Text grau hervor. Damit wird angedeutet, dass die entsprechende Passage auch übersprungen werden kann, ohne dass dabei Dinge verpasst würden, die für das Verständnis des Folgenden notwendig wären. Auf diese Weise schafft er einen eleganten Spagat zwischen wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit und populärwissenschaftlicher Unterhaltung.

Der einzige Punkt, den ich kritisch anmerken möchte, ist, dass das Versprechen des Covers, eine Logik „für alle Lebenslagen“ zu bieten, nicht ganz eingehalten wird. Angesichts dieser Ankündigung erwartet man Tipps für alltägliche Diskussionen im Büro oder zu Hause, eine Argumentierhilfe für den Alltag. Hiervon findet man allerdings nur sehr wenig. Allein in einem Kapitel gibt es eine Liste mit 25 Fehlschlüssen, die einem helfen soll, jede Talkshow zu durchschauen. Die Liste ist allerdings nicht sehr ergiebig. Einige Punkte haben, wie Drösser selber eingesteht, mit Logik gar nichts zu tun, zum Beispiel die „Hitler Karte“: Um zu wissen, dass es in Diskussionen unschön ist zu behaupten, dass Hitler eine ganz ähnliche Position vertrat wie der Gesprächspartner, dazu bedarf es keines Buches über Logik. Die übrigen Punkte sind zum Teil interessant und wichtig, werden jedoch leider allesamt in wenigen Zeilen abgehandelt. Dem falschen Modus Ponens beispielsweise widmet Drösser ganze sechs Zeilen. So hat der Leser zwar eine hübsche Liste, jedoch wenig Anleitung für den Alltag,  geschweige denn Vorschläge, wie man auf diese Fehlschlüsse reagieren könnte.

Alles in allem überwiegen im Logikverführer die Rätsel und Knobeleien bei weitem gegenüber den Anwendungsbeispielen. Das alles ist jedoch so lehrreich und anregend, dass das Buch trotzdem uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s