Was ist ein Argument?

Als Einstieg in Argumentierseminare benutze ich gerne folgenden kurzen Ausschnitt aus einem Interview mit Alice Schwarzer in der FAZ vom 4.7.2006:

Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art „Branding“, vergleichbar mit dem Judenstern. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation. Ich finde es selbstverständlich, dass wir uns an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen und das Kopftuch in der Schule und im Kindergarten untersagen, für Lehrerinnen und Schülerinnen. („Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler“ Interview mit Alice Schwarzer in der FAZ vom 4.7.2006)

Offensichtlich möchte Schwarzer in diesem Textabschnitt ihre Auffassung untermauern, dass das Kopftuch in Deutschland an Schulen und Kindergärten für Lehrerinnen und für Schülerinnen verboten werden sollte. Insofern wir es hier mit einem Argument zu tun haben, könnte man diese Forderung also als die Konklusion ihres Argumentes bezeichnen. Die Konklusion ist die Behauptung, die Schwarzer in dem zitierten Abschnitt begründen, stützen, untermauern möchte. Womit untermauert sie sie? Der Text enthält eine ganze Reihe von Aussagen, die eine Art von Begründung darstellen; erstens den Satz: „Das Kopftuch ist das Zeichen, das Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht.“ Auch der Satz „Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation“ scheint für Schwarzer eine Begründung ihrer zentralen Behauptung darzustellen. Sätze, die dazu dienen, eine Konklusion zu untermauern, nenne ich „Prämissen“. Die beiden zuletzt zitierten Sätze könnte man also als Prämissen in Schwarzers Argument bezeichnen.

Ich halte fest: Ein Argument besteht aus Prämissen und einer Konklusion. Letztere ist eine Behauptung, die begründet, untermauert, etabliert werden soll. Prämissen sind auch Behauptungen, allerdings solche, die dazu dienen, die Konklusion zu begründen, zu untermauern, zu etablieren.

Was also ist ein Argument? Ich würde folgende Definition vorschlagen: Ein Argument ist eine Abfolge von Behauptungen, bei der eine oder mehrere Behauptungen (Prämissen) dazu dienen, eine weitere Behauptung (Konklusion) zu stützen. Eine allgemein akzeptierte Definition dessen, was ein Argument ist, gibt es nicht. Ich bin mit der hier genannten Definition bisher jedoch recht gut gefahren.

Um etwas Ordnung in das Argument von Alice Schwarzer zu bekommen, könnten wir es einmal nach Prämissen und Konklusion geordnet aufschreiben. Ich mache einen Vorschlag:

(1. Prämisse:) Das Kopftuch ist das Zeichen, das Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht.
(2. Prämisse:) Real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und  Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation.
(3. Prämisse:) Wir sollten uns (in Sachen Kopftuchverbot) an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen.
______________________________________________________________________________
(Konklusion:) Also sollten Kopftuch und Ganzkörperschleier an Schulen und Kindergärten für Lehrerinnen und Schülerinnen verboten werden.
 
 

In dieser Form klingt das Argument nicht sehr überzeugend. Das liegt unter anderem daran, dass die einzelnen Prämissen und die Konklusion logisch relativ unabhängig voneinander sind. Im Allgemeinen besteht das Ziel der Prämissen darin, die Konklusion in dem Sinne zu etablieren, dass die Prämissen die Konklusion zwingend nach sich ziehen. Im besten Falle kann man sagen, dass die Konklusion logisch aus den Prämissen folgt. Damit ist dann gemeint, dass es unmöglich sein kann, dass die Prämissen zwar wahr sind, die Konklusion aber falsch. Wenn die Konklusion logisch aus den Prämissen folgt, dann gilt: Sind die Prämissen wahr, so muss die Konklusion zwangsläufig auch wahr sein. Aus den Sätzen A: „Alle Menschen sind sterblich“ und B: „Sokrates ist ein Mensch“ folgt in diesem Sinne logisch, dass Sokrates sterblich ist. Der Satz C: „Sokrates ist sterblich“ kann unmöglich falsch sein, gegeben dass die Sätze A und B wahr sind. Man kann diesen Zusammenhang auch anders formulieren: Wer behauptet, dass die Sätze A und B wahr sind, und gleichzeitig behauptet, dass der Satz C falsch ist, der verstrickt sich in einen logischen Widerspruch.

Wie verhält es sich nun mit der logischen Folge bei dem Argument von Alice Schwarzer? Offensichtlich folgt die Konklusion nicht aus den Prämissen. Machen wir den Test: Man kann Prämissen 1, 2 und 3 behaupten, und man kann gleichzeitig behaupten, dass das Kopftuch an Schulen und Kindergärten nicht verboten werden sollte. Dabei verstrickt man sich in keinen logischen Widerspruch, also folgt Schwarzers Konklusion nicht aus ihren Prämissen.

Das heißt allerdings nicht automatisch, dass das Argument schlecht ist. Denn man kann möglicherweise Sätze ergänzen, mit deren Hilfe die Konklusion dann logisch folgt. Betrachten wir die erste Prämisse „Das Kopftuch ist das Zeichen, das Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht.“ Ergänzen wir den Satz „Alles, was Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht, sollte an Schulen und Kindergärten verboten werden“, so folgt die Konklusion offenbar logisch. Wir haben dann folgendes Argument:

(1. Prämisse:) Das Kopftuch ist das Zeichen, das Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht.
(ergänzte Prämisse:) Alles, was Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht, sollte an Schulen und Kindergärten verboten werden.  
_____________________________________________________________________________
(Konklusion:)  Also sollten Kopftuch und Ganzkörperschleier an Schulen und Kindergärten verboten werden.
 

Wir mussten zwar etwas nachhelfen, aber immerhin haben wir nun ein logisch gültiges Argument vor uns. Ich halte nebenbei fest, dass die Prämisse, die wir ergänzen mussten, sehr plausibel erscheint. Insofern mussten wir nichts ergänzen, das der Plausibilität des Argumentes schaden würde. Wir haben lediglich einen Satz ergänzt, den wahrscheinlich viele Leser des Artikels unterschreiben würden, und schon haben wir ein logisch gültiges Argument vor uns.

Wie sieht es mit den übrigen Prämissen des ursprünglichen Argumentes aus? Betrachten wir die zweite: „Real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation.“ Hier können wir offenbar ähnlich vorgehen wie bei der ersten Prämisse. Ergänzen wir den Satz: „Alles, was eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation darstellt, sollte an Schulen und Kindergärten verboten werden“, so haben wir offenbar wieder ein logisch gültiges Argument vor uns, nämlich folgendes:

(2. Prämisse:)  Real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation.
(ergänzte Prämisse:) Alles, was eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation darstellt, sollte in Schulen und Kindergärten verboten werden.
________________________________________________________________________________
(Konklusion:) Also sollten Kopftuch und Ganzkörperschleier an Schulen und Kindergärten verboten werden.
 

Wie sieht es mit der dritten Prämisse aus? Tatsächlich enthält der Satz „Wir sollten uns (in Sachen Kopftuchverbot) an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen“ schon fast alles, was wir brauchen, um die Konklusion zu etablieren. Wir müssen bloß noch ergänzen, dass es in Frankreich tatsächlich ein Kopftuchverbot an Schulen und Kindergärten gibt. Wir haben dann folgendes Argument vor uns:

(3. Prämisse:) Wir sollten uns (in Sachen Kopftuchverbot) an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen.
(ergänzte Prämisse:) In Frankreich sind Kopftuch und Ganzkörperschleier an Schulen und Kindergärten verboten.
________________________________________________________________________________
(Konklusion:) Also sollten Kopftuch und Ganzkörperschleier an Schulen und Kindergärten verboten werden.
 

Es hat sich also gezeigt, dass das ursprüngliche Argument von Schwarzer in Wirklichkeit drei voneinander unabhängige Argumente enthält. Alle drei haben wir durch Ergänzungen in logisch gültige Argumente überführt.

Nun sind wir in der Position, uns auf eine sehr differenzierte Weise kritisch mit der Argumentation von Schwarzer auseinandersetzen zu können. Gehen wir noch einmal kurz die drei Argumente durch.

Wie schon gesagt ist die Prämisse, die wir im ersten Argument ergänzen mussten, auf den ersten Blick sehr plausibel. Ich gehe zum Zwecke der Analyse mal davon aus, dass wir sie unterschreiben. Wenn wir die Konklusion von Schwarzer nicht akzeptieren möchten, müssen wir nun zeigen, dass die erste Prämisse falsch ist!

Beim zweiten Argument sieht es etwas anders aus. Die ergänzte Prämisse („Alles, was eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation darstellt, sollte an Schulen und Kindergärten verboten werden“) ist nicht besonders plausibel. Aus dem gleichen Grund müssten dann ja auch hochhackige Schuhe und viele Dinge mehr verboten werden. Insofern scheint die zweite Prämisse keine gute Basis für ein schlagkräftiges Argument zu sein.

Beim dritten Argument musste zwar keine potentiell strittige Behauptung ergänzt werden. Trotzdem ist es schwach, denn seine zentrale Prämisse („Wir sollten uns an Frankreich ein Beispiel nehmen“) wird nicht weiter begründet. So, wie es hier steht, leistet das Argument gar nichts, denn es wird nicht erklärt, warum wir uns an Frankreich in diesem Falle ein Beispiel nehmen sollten.

Alles läuft also darauf hinaus, dass der starke Kern von Schwarzers Argumentation in der ersten Prämisse liegt, nämlich in der Behauptung, dass das Kopftuch Frauen zu Menschen zweiter Klasse mache. Unsere logische Analyse hat ergeben, dass es diese Prämisse ist, die wir widerlegen müssen, wenn wir Schwarzers Konklusion zurückweisen möchten. Und noch ein weiterer wichtiger Punkt ist deutlich geworden: Sofern wir erstens annehmen, dass wir der ergänzten Prämisse („Dinge, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse machen, sollten verboten werden“) zustimmen, und sofern wir zweitens annehmen, dass wir Schwarzers Konklusion nicht zustimmen möchten, so müssen wir gewarnt sein: Wir können nun nicht mehr zugestehen, dass Kopftuch bzw. Ganzkörperschleier Frauen zu Menschen zweiter Klasse machen. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass Schwarzers erstes Argument logisch gültig ist, das heißt, dass seine Konklusion logisch aus den Prämissen folgt. Wir können unmöglich beiden Prämissen zustimmen und gleichzeitig die Konklusion ablehnen.

Unsere logische Analyse hat uns also zum Einen den Weg gewiesen, den eine sinnvolle Kritik an der Argumentation von Schwarzer einschlagen könnte. Zum Anderen hat sie uns deutlich gemacht, welche Annahmen wir selber vermeiden sollten, um uns nicht logisch zu widersprechen.

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